Bundesarchiv veröffentlicht 30.000 Namen der Opfer des systematischen medizinischen Massenmordes 1939-41

Am 30. August 2018 veröffentlichte das Bundesarchiv auf seinen Webseiten eine Liste von mehr als 30.000 bekannten Namen von Menschen, die in den Gaskammern der sogenannten „Aktion T4 “ in der ersten Phase des systematischen medizinischen Massenmordes in 1939 bis 1941 ermordet wurden.

Wir, IAAPA, haben ein besonderes Interesse an dieser Entwicklung: 2003 waren wir die ersten, die diese Liste veröffentlicht haben. Unserem Beispiel folgend, veröffentlichten andere Institutionen wie das US Holocaust Memorial Museum ähnliche Listen.

Wir haben diese Liste erhalten, nachdem wir eine Vereinbarung mit dem Bundesarchiv unterzeichnet hatten, um im Dezember 2002 eine öffentliche Lesung aller Namen abzuhalten (siehe hier).

Nach den Reaktionen von Passanten auf die Lesung in Berlin, folgten wir unserem moralischen Kompass und haben mit zivilen Ungehorsam diese Liste im Internet veröffentlicht.

Nachdem wir diese Liste 2003 veröffentlicht hatten, versuchte das Bundesarchiv mit den fadenscheinigsten Ausreden, die Namen vor der Öffentlichkeit verborgen zu halten. Um die Taten und die Opfer in Vergessenheit geraten zu lassen und unsere Veröffentlichung zu unterdrücken, bekämpfte es uns mit den übelsten Argumenten und behauptete 2004, Zitat:

„die Opfer haben auch Postmortem Persönlichkeitsrechte. Dies könnte durch die Erwähnung der Namen in einer Liste, die mit einer psychischen oder psychischen Erkrankung verbunden ist, beeinträchtigt werden.“ Siehe das Urteil hier.

Das Bundesarchiv unterstelle sogar die falsche und absurde Verleumdung, dass der Israeli Hagai Aviel, der den Vertrag mit dem Archiv unterzeichnet hatte und für die Veröffentlichung der Namen im Internet verantwortlich war, mit einem seltsamen Kult zusammengearbeitet hätte. Siehe hier auf Seite 32 und 33 des Heftes „Der Archivar“ wie das Bundesarchiv versucht, die Entscheidung zu rechtfertigen.

Wir sind froh, dass all diese Versuche nicht verhindern konnten, dass Namen in der Namensliste gefunden werden konnten und Angehörige aktiv wurden. Die Verhinderungsstrategie war gescheitert und dieses Scheitern hat das Bundesarchiv nun endlich eingesehen.

Durch die nun erfolgte Veröffentlichung des Bundesarchivs, die unserer Veröffentlichung in 2003 folgte, wird ca 10% derer, die durch systematischen medizinischen Massenmord von 1939-49 ums Leben kamen, ein wichtiges Stück ihrer menschlichen Würde zurückgegeben: Sie sind kein anonymer „Balast“ mehr, der verbrannt und hastig begraben wurde. Durch diese Veröffentlichung wird den Angehörigen dieser Opfer nun staatlicherseits Gewissheit über diese Morde gegeben und durch Suchmaschinen im Internet das Wissen über diese ärztlichen Verbrechen in der Familie regelmäßig erst ermöglicht.

Erst jetzt, 2018, nachdem die Mörder alle verstorben sind und nicht mehr persönlich zur Verantwortung gezogen werden können, wird den namentlich bekannten Opfer wieder zuerkannt, dass sie Personen mit dem wesentlichen Merkmal waren, dass sie einen Namen haben.

Wir, IAAPA, verurteilen jedoch die Tatsache, dass das Bundesarchiv den Nazi-Jargon „Euthanasie“ (= ärztlich-assistierter Suizid) in seinen Veröffentlichungen manipulativ weiter verwendet, statt darauf hinzuweisen, wie eine verleumderische psychiatrische Diagnose Mord in den Jahren 1939-49 rechtfertigte. Die Nazis benutzten das Wort „Euthanasie“, um zynisch zu unterstellen, dass die Opfer selbst sterben wollten. Wenn das Bundesarchiv dieses Wort weiter verwendet, werden die Opfer weiter entwürdigt, die Doktor-Nazi-Ideologie wird reproduziert, Solidarität mit den Tätern ausgedrückt und versucht, ihre Schuld zu vertuschen (siehe unsere 8 Forderungen).

Wir fordern das Bundesarchiv auf, diesen skandalösen Nazi-Euphemismus in der LTI-Sprache sofort durch den zutreffenden Titel zu ersetzen: „Namen der Opfer des systematischen medizinischen Massenmordes „.

Beschluss der Mitgliederversammlung von IAAPA am 18.9.2018, der hier veröffentlicht ist)

Danke JuMiKo

Betreuer-Professionalisierung verhindert

Danke JuMiKo

Heute haben wir zum Auftakt des Vormundschaftsgerichtstags in Erkner demonstriert. Dort trafen sich die Spitzen der „Betreuungs“industrie, um zu beraten, wie sie weitermachen sollen, nachdem die JuMiKo ihnen mit deren gründlichen Absage an die Betreuerprofessionaliserung einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.
Dabei haben wir ein Flugblatt verteilt, in dem wir drei Texte kommentieren, und mit dem wir so gut wie alle Teilnehmer erreicht haben.

  1. Als Wichtigsten den Beschluss und dessen ausgezeichnete Begründung zu TOP I.6 der Justiz-Minister-Konferenz (JuMiKo) vom 6./7. Juli 2018 https://tinyurl.com/jumikobeschluss
  2. Den Abschlussbericht der Studie: Qualität in der rechtlichen Betreuung im Auftrag des Bundesjustizministeriums: https://tinyurl.com/gefaelligkeitsstudie
  3. Den Annual report of the United Nations High Commissioner for Human Rights and reports of the Office of the High Commissioner and the Secretary vom 24. Juli 2018 zur Vorbereitung der Tagungsordnungspunkte 2 und 3 der 39. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats zu: Mental health and human rights: https://tinyurl.com/reportohchr

Zu 1.: Zitat aus dem Beschluss:

„Die gesetzliche Festlegung von Eignungskriterien und die abstrakt-generelle Regelung des Berufsbilds für Berufsbetreuer sind unter Berücksichtigung des ursprünglichen – zivilgesellschaftlichen – Leitmotivs des Gesetzgebers und der gesetzlichen Regelung des § 1897 Abs.6 BGB, wonach die Betreuung vornehmlich von ehrenamtlich Tätigen (Familienangehörige oder ehrenamtliche Fremdbetreuer) übernommen werden soll, nicht erforderlich und abzulehnen.
Soweit die Forscher
[der Studie 2.] ohne nähere Erläuterung Kenntnisse der Berufsbetreuer in verschiedenen Rechtsgebieten außerhalb des Betreuungsrechts, im Bereich der Vermögensverwaltung und Privatinsolvenz und der Medizin als zumindest wünschenswert erachten bzw. die Einführung gesetzlicher Kriterien für die Qualifikation für Berufsbetreuer empfehlen, steht dies im Widerspruch zu dem gesetzlichen Leitbild der ehrenamtlichen Betreuung. Das Gesetz geht davon aus, dass derjenige, der seine eigenen Angelegenheiten regeln kann, dies grundsätzlich auch für andere zu leisten vermag.“

Endlich und mit aller Deutlichkeit wird den Ausbildungs- und Qualifizierungsforderungen der Berufsbetreuer ein klare Absage erteilt und diese trefflich begründet: Vorsorgevollmacht und „Betreuung“ dienen der Wahrnehmung selbstverständlicher Bürgerrechte der Betroffenen. Diese Aufgabe ausüben zu können ist geradezu ein Kennzeichen dafür, dass man ein Erwachsener ist und erfordert eben weder sozialpädagogisches noch medizinisches oder rechtliches Spezialwissen.

Zu 2.: Genauso großartig ist, wie die JuMiKo den Abschlussbericht (Seite 54) der Betreuergefälligkeit überführt: Nur 101 von ca. 13.100 Betreuern waren bereit, Einblick in ihre Verdienstsituation zu geben, das sind noch nicht einmal 0,8 %. Das wirft ein bezeichnendes Bild auf die durch die Verbände der Berufsbetreuer seit Jahren geäußerte Kritik über ein angeblich zu geringes Einkommen. Die Verbände und die ihnen nach dem Mund schreibende Frau Prof. Brosey stehen so gut wie alleine da.
Die JuMiKo weist darauf hin: „Es bestehen grundsätzliche Bedenken, Parameter einer Vergütungsbestimmung ausschließlich durch eine Einschätzung der Vergütungsempfänger zu ermitteln.“ Betreuer sind eben die Selbstbedienung gewohnt. Ehrlich, dass es in diesem Abschlussbericht auch so vorgestellt wird.

Zu 3.: In Artikel 46 wird Folgendes vorgeschlagen:

Die Staaten sollten sicherstellen, dass alle Gesundheitssorge und entsprechende Dienste, einschließlich aller psychischen Gesundheitssorge und entsprechende Dienste, auf der freien und informierten Zustimmung der betroffenen Person beruhen. Gesetzliche Bestimmungen und Richtlinien sollten abgeschafft werden, die durch den Einsatz von Zwang und Zwangsmaßnahmen, einschließlich Zwangseinweisung und zwangsweise Heimunterbringung, Fixierung, Psychochirurgie, Zwangsbehandlung und andere Zwangsmaßnahmen, darauf abzielen, eine tatsächliche oder angenommene Beeinträchtigung zu korrigieren oder zu beheben, einschließlich der Ermöglichung der Einwilligung oder Ermächtigung durch Dritte. Die Staaten sollten diese Praktiken neu konzeptionalisieren und als Folter oder andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Bestrafung und als Diskriminierung von Nutzern von psychischen Gesundheitsdiensten, Menschen mit psychischen Problemen und Menschen mit psychosozialen Behinderungen anerkennen.

Die erste Voraussetzung zur menschenrechtskonformen Betreuungsgesetzgebung ist also, dass endlich § 1896 Abs. 1a BGB novelliert wird: Der Satz: “Gegen den freien Willen des Volljährigen darf ein Betreuer nicht bestellt werden” muss durch diesen Gesetzestext ersetzt werden:
Gegen den erklärten [oder natürlichen] Willen des Volljährigen darf eine Betreuung weder eingerichtet noch aufrechterhalten werden.

Flugblatt zum Ausdrucken hier.

Der UN-Menschenrechtsrat wird von UN-Hochkommissariat für Menschenrechte zur Zwangspsychiatrie gebrieft

Am 14. – 15. Mai 2018 fand in Genf auf Einladung des UN Hochkommissariats für Menschenrechte eine Anhörung statt:
Consultation on Human Rights and mental health: „Identifying strategies to promote human rights in mental health“.
Das Programm und die vorbereitenden und beigetragenen Texte vieler prominenter institutioneller VertreterInnen sind hier dokumentiert:  https://www.ohchr.org/EN/Issues/Pages/MentalHealth.aspx

Diese Anhörung diente dem Annual report of the United Nations High Commissioner for Human Rights and reports of the Office of the High Commissioner and the Secretary vom 24. Juli 2018 zur Vorbereitung des 39. Sitzung des UN-Menschenrechtsrats vom 10.- 28. September 2018. Der UN-Menschenrechtsrats hatte diesen Bericht (report) letztes Jahr angefordert und zwar zu den Tagungsordnungspunkten 2 und 3 des UN-Menschenrechtsrats zu: Mental health and human rights
https://www.ohchr.org/Documents/Issues/MentalHealth/A_HRC_39_36_EN.pdf

Es folgen einige Zitate der – aus unserer Sicht – interessantesten Stellen in diesem Bericht. Bitte selber den Bericht lesen, um ein vollständiges Bild zu bekommen. Die Übersetzung ist von uns, darunter sind die englischen Originalzitate dokumentiert.
Damit ist nochmals eindrücklich dokumentiert, dass die Menschenrechtsabteilung der UN sich auf unsere Seite geschlagen hat. Wir waren seit unserer Gründung 1980 immer nur Avantgarde für die Menschenrechte – das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte hat inzwischen unsere Forderungen übernommen, siehe auch hier.

„5.
Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Zeid Ra ‚ ad Al Hussein“…..“ forderte die Beseitigung von Praktiken wie Zwangsbehandlung, einschließlich erzwungener Medikamentenverabreichung, erzwungener elektrokonvulsive Behandlung, erzwungene Einweisung und Isolation.
Stattdessen“…. „erinnerte [er] die Teilnehmer daran, dass die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen den rechtlichen Rahmen vorgibt, um die Rechte von Personen mit psychosozialen Behinderungen zu wahren — einschließlich der Ausübung ihrer rechtlichen Handlungsfähigkeiten, freier und informierter Zustimmung, das Recht auf Leben und in der Gemeinde aufgenommen zu werden, und das Recht auf Freiheit und Sicherheit ohne Diskriminierung. „[Seite 5]

„40.
Zum Abschluss verurteilte die UN-Vize-Hochkommissarin für Menschenrechte, Kate Gilmore, „… „die rechtswidrige Anwendung des Gesetzes zur Machtausübung und zur Diskriminierung, und seine Umwandlung in eine Bedrohung für die Rechte. Sie folgerte die Anmerkung, dass durch sein Wissen jeder nun Verantwortung trage: Veränderung sind in greifbarer Nähe, sie waren erschwinglich und begründet. Sie forderte daher alle Akteure auf, sich daran zu beteiligen, Leistungen zu gestalten und zusammenzuarbeiten, um eine gesundheitsfördernde Umgebungen zu schaffen. „[ Seite 13 ff]

„41.
Der Sonderberichterstatter für Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Bestrafung hat konkrete Empfehlungen für Fortschritte gegeben. Er betonte die dringende Notwendigkeit, die Rechtsvorschriften abzuschaffen, die es ermöglichten, Menschen mit Behinderungen einzuweisen …“

„Er unterstrich das Gebot, Gewalt und Missbrauch gegen Menschen mit Behinderungen als eine Form von Folter oder anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Bestrafung anzuerkennen, um den Opfern und ihren Anwälten einen stärkeren Rechtsschutz für diese Verstöße zu gewährleisten.“

Es wurden folgende Empfehlungen vorgeschlagen:

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Brutale Realität in der Bremer Psychiatrie

Die Jungle World hat am 22.8. ein Interview mit Julia Benz von der »Psychiatriekritischen Gruppe Bremen« über die Reform der Bremer Psychiatrien veröffentlicht:

»Brutale Realität«
Vergangene Woche, fünf Jahre nach der Reform der Bremer Psychiatrien, zog die Gesundheitsdeputation des Landes Bremen Bilanz. Mehrere Gruppen protestierten. Sie halten die Zustände in Psychiatrien und Forensiken in dem Bundesland keineswegs für fortschrittlich…

Bitte vollständig hier lesen.

Ein ähnlicher Artikel zum selben Thema ist im Neues Deutschland am 5.9.2018 erscheinen, siehe hier.

Tödlicher Verschleppungversuch für ein Gutachten

Innerhalb einer Woche kamen 2 Menschen bei einem Pfeffersprayeinsatz um´s Leben: Am Sonntag letzter Woche ein Mann in Hannover und am Dienstag wurde in Hamburg ein Mann, der in einer Geschlossenen mit aller Gewalt zu einer psychiatrischen Begutachtung verschleppt werden sollte, dabei umgebracht:
Es berichteten die Taz hier, die Welt hier und die Morgenpost hier .

Tödliche Diagnosen von Hans Asperger

Bei noch einer psychiatrischen „Koryphäe“, Prof. Hans Asperger, hat sich inzwischen herausgestellt, dass er ganz aktiv an der Mordaktion der Ärztenazis beteiligt war. Hier der ausführlicher Bericht im Hessischen Rundfunk und hier in profil.at.

Verboten: psychiatrische Untersuchung in der eigenen Wohnung

Eine wichtige höchstrichterliche, und damit alle staatlichen Institutionen und Gerichte bindende, Entscheidung des Bundesverfassungsgericht (BVerfG):
Für eine psychiatrische Untersuchung für eine Betreuung oder eine Zwangseinweisung darf ein Gutachter die Wohnung NICHT gegen den Willen der Bewohnerin betreten. Das darf also auch nicht mehr umgangen werden, weil die Wohnung durch das Grundgesetz geschützt ist, siehe: BVerfG Beschluss vom 16.03.2018 – 2 BvR 253/18, hier nachzulesen: http://www.bverfg.de/e/rk20180316_2bvr025318.html

Begutachtung in Wohnung des Betroffenen Art. 13 GG; §§ 283, 317, 322 FamFG, Leitsätze:
1. Der im Unterbringungsverfahren bestellte Verfahrenspfleger kann die Rechte des Betroffenen im Verfassungsbeschwerdeverfahren geltend machen.
2. Das Unterbringungsverfahrensrecht enthält keine gesetzliche Ermächtigungsgrundlage für die Untersuchung des Betroffenen in der eigenen Wohnung gegen dessen Willen.

Also: Nie einen Psychiater oder den Sozialpsychiatrischen Dienst (SPD) in die Wohnung lassen!
Wenn die was wollen, müssen die einen anschreiben und zu sich einladen. Wenn in dem Schreiben keine Rechtsgrundlage für die Bestellung genannt wird, einfach das Schreiben zurücksenden und um Nennung der Rechtsgrundlage bitten. Sollte eine solche kommen, kann man das dann mit einem Rechtskundigen besprechen. Falls der Vorladung tatsächlich Folge geleistet werden muss, zusammen mit einer Zeugin dieser nötigenden Vorlage nachkommen, aber vom Betreten des Hauses bis zu Verlassen des Hauses des Gutachters bzw. SPD eisern schweigen. Dieses eiserne Schweigen wird anschließend von der Zeugin protokolliert und eidesstattlich versichert. Da man nie zum Reden gezwungen werden darf, kann mit diesen Vorsichtsmaßnahmen auch kein verwertbares Gutachten entstehen. Gutachter können dann nur ehrlich zugegeben, dass sie mangels Zusammenarbeit kein Gutachten machen konnten 🙂

Denkbar ungeeignet: Sozialminister Manfred Lucha

Der Sozialminister von Baden-Württemberg, Manfred Lucha stellt sich in seinen Kommentaren als charakterloser Opportunist dar. Vor der Urteilsverkündung wird er am 24.7. um 3.18 Uhr in diesem Kommentar gegenüber der Tagesschau so zitiert:

In der Praxis sei der Richtervorbehalt ungeeignet. Überhaupt: Hat der Staat nicht genug getan, um den Graubereich in den Psychiatrien zu regeln? „Unser Gesetz ist im Kern ein Hilfe- und Befähigungsgesetz“.    Quelle: Tagesschau-Meldung hier

Nach der Urteilsverkündung tut er so, als ob er auf einmal für den eben noch für „ungeeignet“ befundenen Richtervorbehalt sei. Er wird von „Gesundheit.de“ folgendermaßen zitiert:

Der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) sagte nach der Urteilsverkündung, er begrüße, dass die Verfassungsrichter in dieser Frage die Rechtslage präzisiert hätten. „Alles, was einer rechtlichen Absicherung solcher Maßnahmen dient, ist letztlich auch in unsrem Interesse“, ergänzte er.   Quelle hier: Nachricht in Gesundheit.de

Mit so einem angeblich schlagartigen Meinungswechsel an einer wesentlichen Stelle – unseren Grundrechten –  hat Herrn Lucha sich völlig disqualifiziert. Er hat in der Tagesschau sein wahres Gesicht gezeigt und darf kein neues PsychKG entwerfen, weil er nur für Zwang und Gewalt in der Psychiatrie steht.

Interview in Telepolis zum Urteil des BVerfG

Zu der gestrigen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hat Telepolis heute ein Interview mit René Talbot veröffentlicht:
„Es bleibt beim bekannten Zusammenspiel
des Ärzte-Richter-Filzes“

Es ist hier abzurufen und kann selbstverständlich dort kommentiert werden.

Von der Anti-Psychiatrie zur Anti-Zwangspsychiatrie

Hier ein Text, den René Talbot bei einem Vortrag am 16.7. in Tübingen gehalten hat:

Von der Anti-Psychiatrie zur Anti-Zwangspsychiatrie

Von Thomas bin ich gebeten worden, etwas zur Geschichte der Irren-Offensive und dem aktuellen Stand der Antipsychiatrie zu sagen und dabei kann selbstverständlich die PatVerfü nicht fehlen.

Wie man in dem Link, das in eurem Blog angeben ist, sehen kann, fange ich zur Einführung immer zunächst damit an, dass ihr Euch überlegen sollt, ob und wie ihr diese positive Vorausverfügung ausfüllen wollt, siehe hier.

Niemand will unterzeichnen. Dass dann alles in der positiven Vorausverfügung Beschriebene sozusagen automatisch gegen den Willen trotzdem geschehen kann, das zeigt das Politische, das durch Täuschung verdeckt wird. Obwohl offenbar niemand diese Zwangsmaßnahmen für sich autorisieren will, sind sie gesetzlich geregelt:
Geisteskrank sind also immer nur die Anderen.
Damit trifft die Definition des moralisch Bösen zu – was ich nicht will, dass man mir tu, das füge ich den anderen zu.

Wir müssen uns deshalb genauer mit den Täuschungen beschäftigen, um zu verstehen, warum dieses antidemokratische System funktioniert und wie wir es durchbrechen können.
Zunächst zur Vorgeschichte der Irren-Offensive. Um sie zu verstehen, möchte ich sie im geschichtlichen Kontext erzählen.
Und ich beginne früher, als ihr vielleicht erwartet.
1933 tritt parallel zu den Nürnberger Gesetzen das Erbgesundheitsgesetz in Deutschland in Kraft. Beide hatten zum Ziel, einen Teil der deutschen Bevölkerung biologisch zu definieren und von der künftigen Entwicklung auszuschließen: Das Politische wird mit biologischen Lügen metaphorisch aufgeladen, um den alten Hass gegen die Unangepassten austragen zu können und der medizinisch-säkularen Herrschaft zum vermeintlich endgültigen Sieg zu verhelfen.

Zu Recht sagte Ernst Klee: „Nicht die Nazis haben die Ärzte gebraucht, sondern die Ärzte die Nazis“. 1939 beginnt die Aktion T4, die systematische Erfassung und Ermordung von in den Psychiatrien Inhaftierten in der Gaskammer wird von der Tiergartenstr. 4 in Berlin in sechs Anstalten geplant und organisiert, auf kirchliche Proteste 1941 direkt in die Anstalten verlegt und das Personal, die Ideologie, die Technik, und die Verbrennungsöfen der Leichen 1942 zur Vernichtung der europäischen Juden ins besetzte Polen exportiert. Ein Buchhinweis dazu: von Henry Friedlander: The Origins of Nazi Genozide, der Deutsch schlecht übersetzte Titel: Der Weg zum NS-Genozid.

Trotz Ende des Krieges ging das Morden danach in den deutschen Anstalten bis ca. 1949 weiter: Das systematische Verhungern lassen zugunsten der Lebensmittelrationen des „medizinischen“ Personals ist belegt, allerdings nie geahndet worden, und ist als der perfekte Mord zu bezeichnen. Er steht am Anfang der Nachkriegs Psychiatrie-Geschichte in beiden Deutschlands. Über die Karrieren der beteiligten Psychiater hat nicht nur Ernst Klee recherchiert. Die Taz berichtete kürzlich von Christof Beyer, der die personellen Kontinuitäten in den psychiatrischen Anstalten nach 1945 erforschte. Das Ergebnis: Viele der ärztlichen Massenmord-Verbrecher machten Karriere. Beispielsweise waren an der Universität Heidelberg noch bis in die 1990er Jahre damals als Assistenzärzte an der Mordaktion Beteiligte mit der Lehre betraut.

Danach ist die Psychiatrie seelenruhig zu ihrem Zustand vor 1933 zurückgekehrt: radikale, systematische Entrechtung, Entwürdigung und Foltermethoden, um das Geständnis „psychisch krank“ zu erreichen, die sogenannte „Krankheitseinsicht“. Selbst Einige der ganz Wenigen, die den psychiatrischen Holocaust überlebten, werden wieder zwangsweise eingesperrt und mit Insulin und Elektroschocks misshandelt. Der ideologische Zusammenhang ist der Gleiche geblieben: die Bezeichnung als Erbkrankheit, das Wegsperren und mit aller Gewaltsamkeit das Privateste des Privaten, den eigenen Gedanken, berauben, stigmatisieren und einem entfremden. Wie das rationalisiert wurde, dazu zitiere aus einem Interview mit Thomas Szasz aus dem Jahr 1969:

„Schizophrenie ist ein strategisches Etikett, wie es „Jude“ in Nazi-Deutschland war. Wenn man Menschen aus der sozialen Ordnung ausgrenzen will, muß man dies vor anderen, aber insbesondere vor einem selbst rechtfertigen. Also entwirft man eine rechtfertigende Redewendung. Dies ist der Punkt, um den es bei all den häßlichen psychiatrischen Vokabeln geht: sie sind rechtfertigende Redewendungen, eine etikettierende Verpackung für „Müll“; sie bedeuten „nimm ihn weg“, „schaff ihn mir aus den Augen“, etc. Dies bedeutete das Wort „Jude“ in Nazi-Deutschland, gemeint war keine Person mit einer bestimmten religiösen Überzeugung. Es bedeutete „Ungeziefer“, „vergas es“.
Ich fürchte, daß „schizophren“ und „sozial kranke Persönlichkeit“ und viele andere psychiatrisch diagnostische Fachbegriffe genau den gleichen Sachverhalt bezeichnen; sie bedeuten „menschlicher Abfall“, „nimm ihn weg“, „schaff ihn mir aus den Augen“.“

Ein anderes Beispiel ist die Umbenennung der Wittenauer Heilstätten in Berlin in Karl Bonhoeffer Nervenklinik 1957: Karl Bonhoeffer war Präsident der deutschen Psychiatervereinigung und eifriger Gutachter in NS-Erbgesundheitsgerichtsverfahren zu Zwangssterilisationen tätig. Er war sogar Richter am Erbgesundheits-Obergericht. Er tat das alles so begeistert, dass er auch nach seiner Pensionierung damit weitermachte. Berlin und auch die Charité will an dessen Ehrung noch heute festhalten. Außer ohnmächtigen Bitten gab es keinen politischen Protest zu dem hermetischen System.

1949 gab es zwar mit dem Ende des systematischen Massenmords, der offensichtlichsten Spitze des Eisbergs, in der Psychiatrie einen Bruch, aber die Entwürdigung durch das Kerkersystem mit Folterregime – um die Worte von Foucault zu gebrauchen – ging kontinuierlich weiter, eben keine Stunde Null.

Erst 1961 begann sich die Geschichte der Psychiatrie zu wenden: Lesen Sie mehr »