Kritik an Ex-In

Martin Lindheimer hat seine Bachelor-Arbeit veröffentlicht, die mit sehr gut bewertet wurde:
Peer Counseling für Menschen mit seelischen Behinderungen.

Zwar  sind wir im WFZ der Meinung , dass wir keine Behinderungen haben, sondern durch Gesetze behindert werden. Aber der Text nimmt auch die Aussagen von Jörg Utaschowski, dem Psychiatrie-Referenten in Bremen über Ex-In unter die Lupe. Unten sind Zitate angefügt und die machen verständlich, warum Utaschowski  Vorgesetze, Senatorin Bernhard, nur links geblinkt hat, um dann rechts abzubiegen, es nur Täuschung wie Schaufensterdokoration war, um alles weiter so Menschenrechte verachtend wie bisher zu belassen, siehe offenen Brief hier.
Beide wollen kein politisches Projekt gegen den ausgeübten Zwang, sondern die Integration Psychiatrie-Erfahrener in den Zwangs- und Gewaltapparat der Psychiatrie, Zitat: Die angestrebte Zusammenarbeit der EX-IN Begleitung mit dem Medizin- und Sozialarbeitspersonal von Kliniken bringt der Initiator auf den Punkt, denn EX-IN sei als Zusammenarbeit mit der Psychiatrie zu verstehen: „Das Ziel ist da auch gemeinsam handeln zu können“ (Utschakowski, Zeile 178). Die Zitate im Einzelnen:
Seite 6:
Im Rahmen der Praxisstelle dieses Studiums wurden zwischen dem klassischen Peer-Counseling aus dem Bereich der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und dem Experienced-Involvement (EX-IN) Vergleiche gezogen. Ein Peer-Counseling-Zertifikatslehrgang 2015 wurde von der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Köln organisiert und war behinderungsübergreifend angelegt, ging aber nicht auf die Themen von Menschen mit seelischen Behinderungen ein. Daraus ergibt sich, dass die EX-IN Fortbildung das einzige momentan verfügbare Seminarprogramm ist, an dem angehende ehren- oder hauptamtliche Berater mit seelischen Behinderungen teilnehmen können, um systematisch geschult zu werden. „In Deutschland fanden die ersten EX-IN Kurse 2005 in Hamburg und Bremen statt. Mittlerweile gibt es über zwanzig Ausbildungsstandorte und weitere in Österreich und der Schweiz.“ (Utschakowski, 2015). Allerdings hat EX-IN eine bestimmte inhaltliche Ausrichtung: Ehemalige Psychiatrie-Patienten beteiligen sich in psychiatrischen Einrichtungen an der Genesung von Klienten. „Mehr als 50 Prozent der Teilnehmenden haben im Anschluss an den Kurs eine bezahlte Arbeit gefunden.“ (ebd.)

Seite 7:
EX-IN Genesungsbegleitung ist oberflächlich, denn die Psychiatrie wendet nach wie vor geschlossene Unterbringung und vielerlei Zwangsmaßnahmen an. Es scheint, als ob der klassische soziologische Terminus über die Psychiatrie als „Totale Institution“ nach Erving Goffmann nichts an seiner Aktualität eingebüßt hat. Sein Werk „Totale Institutionen“ beschreibt diese als „geschlossene Welten“, wie etwa „Gefängnisse, Kasernen, Internate, Klöster,  Altenheime, Irrenhäuser“ und was in ihnen geschieht. Goffmann zeigt, was diese Institutionen aus ihren „Insassen“ machen und zu welchen Reaktionen die „Insassen“ gebracht werden (vgl. Goffmann, 1973). Die damit in Zusammenhang stehenden Fragen können sehr umfangreich werden, denn sie treffen im Kern die Bereiche der Selbst- und Fremdbestimmung, der Bevormundung oder Eigenverantwortung, der Diskriminierung oder der Emanzipation, der Stigmatisierung und der Benachteiligung.

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Seite 14 ff:
„Im Zentrum der Qualifizierung steht die bezahlte Tätigkeit in der Gemeindepsychiatrie, sowohl in der direkten Begleitung als auch im Bereich der Aus-, Fort- und Weiterbildung.“ (Steinke, 2011). Jörg Utschakowski, selbst Begründer des EX-IN Projektes publizierte im Psychiatrie Verlag eine Arbeitshilfe zur Implementierung in den gemeindepsychiatrischen Kontext und eine Aufsatzsammlung. Die Psychiatrie-Erfahrene Journalistin Bettina Jahnke lieferte gleichfalls eine Interviewsammlung über Gespräche mit Absolventen der Fortbildung in einem anderen Verlag nach. Darüber hinaus gibt es keine nennenswerte Literatur. Es beteiligen sich seit fast 20 Jahren ehemalige Psychiatrie-Patienten und Patientinnen an der Genesung von Klienten der Psychiatrie, daher sind einige Dutzend Fachartikel erschienen, die über vergleichende Studien im In- und Ausland referieren. Vor allem die Wirkungen der Peer Arbeit in der Psychiatrie werden darin thematisiert. Der Fachaufsatz von Dipl.-Psych. Candelaria Mahlke aus der Fachzeitschrift „Nervenheilkunde“ referiert über sieben Studien aus dem In- und Ausland: „Klinisch relevante, negative Ergebnisse, oder ein Nachteil von Peer-Arbeit fand sich in keiner der Übersichtsarbeiten“ (Mahlke/Kraemer/Kilian/Becker, 2015). Befunde anderer Psychiater gehen in eine ähnliche Richtung. Entscheidende Erfolgsfaktoren für eine bessere Behandlung seien vor allem die Offenheit und die Einbindung der Genesungsbegleitenden in die psychiatrische Pflegearbeit: „Die eindeutige Entscheidung der Leitungsebene psychosozialer Einrichtungen für eine nachhaltige und konzeptionell verankerte Nutzerbeteiligung ist eine Grundvoraussetzung für ihre erfolgreiche Einbeziehung.“ (Kieser und Kieser, 2015). Es finden sich keine Belege dazu, dass eine Implementierung von Peer Beratung in ein Krankenhaus der Chirurgie oder ähnlicher Bereiche vorgesehen wäre. Eine wissenschaftliche Auswertung des Peer-Counselings der Behindertenbewegung durch Ärzte würde wahrscheinlich am Widerstand der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung scheitern.

Seite 26 ff:
…Die Forschungsfrage zielt auf einen möglichen Unterschied zwischen beiden Bereichen, dem Peer-Counseling für Menschen mit allen Behinderungsarten, vor allem aber der Körper- und Sinnesbehinderungen, auf der einen Seite und dem EX-IN Genesungsbegleitungsansatz für Menschen mit seelischen Behinderungen (EX-IN) auf der anderen Seite, ab. Die Aussagen des BPE Vertreters werden ergänzend hinzugezogen.

4.1.1 EX-IN Initiator Jörg Utschakowski

Jörg Utschakowski ist Sozialarbeiter und leitender Psychiatrie-Referent des Landes Bremen. Er amtiert als Vorstand des Dachverbandes für EX-IN Deutschland und ist selbst kein Mensch mit Behinderung. Sein Ansinnen für die Ausbildung von Genesungsbegleitenden war es, einen innovativen Ansatz in der psychiatrischen Pflege zu finden. Anfang 2000 sei er auf das „Change“ Projekt in Birmingham aufmerksam geworden, eine von Psychiatrie-Erfahrenen geleitete Kriseneinrichtung. Durch die dort arbeitenden „Recovery-Guides“ oder auch „Recovery-Assistants“ sei er darauf gekommen, dass es eine Fortbildung für Genesungsbegleitende geben müsse. „Psychiatrie-erfahren zu sein qualifiziert uns noch nicht gut, um andere Menschen zu unterstützen, weil wir viel zu sehr von unseren eigenen Erfahrungen ausgehen. Eigentlich müssten wir eine Ausbildung haben für diese Form von Genesungsbegleitung […]. Da entstand die Idee, wie man eine Ausbildung kreieren kann, wo die Person nicht nur von individuellen Erfahrungen ausgeht, sondern von kollektiven Erfahrungen, oder die Weisheit der Erfahrungen von seelischen Erschütterungen nutzen kann.“ (Utschakowski, Zeilen 19-22 […] 27-30). Nach der deutlichen Distanzierung von konventionellen Lehrgedanken folgt eine besondere Betonung Erfahrungsbasierter Ansätze, die ein kollektives „Erfahrungswissen“ beinhalten. Dadurch werde ein Umgang mit Suizidgedanken und Stimmenhören möglich, auch wenn selbst keine Stimmen gehört werden. Trägerschaften sind bei allen Einrichtungen der „seelischen Gesundheit“ möglich, EX-IN beteilige sich an der psychiatrischen Arbeit, möglicherweise auch bei Fürsprache- und Beschwerdestellen sowie den EUTBs. Es ginge darum „alles das zu tun, was einen Menschen wieder stabilisiert“ (ebd., Zeile 105-106). Angehörige werden immer als zentrale Personen einbezogen und EX-IN sei nicht als Gegensatz zur Psychiatrie, sondern als Zusammenarbeit mit der Psychiatrie zu verstehen: „Das Ziel ist da auch gemeinsam handeln zu können“ (ebd., Zeile 178). Auftretende Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit werden angesprochen, es brauche einen Kulturwandel der Psychiatrie, eine Anerkennung als eigene Berufsgruppe – und heute schon – Genesungsbegleitende, die „gut und überzeugend und selbstbewusst dieses Erfahrungswissen einbringen können.“ (ebd., Zeile 317-319). Methoden dabei sind der systemische Ansatz, der Open Dialogue, das Shared Decision-Making, das Recovery und das Empowerment. Eine Blumenstrauß Methode wird genannt als Angebot an Möglichkeiten um herauszufinden, was der Mensch will, anstatt Zwang auszuüben. Erfolg wäre, wenn auf mehr Selbstbestimmung und Handlungskompetenz hingearbeitet worden wäre. In Zukunft gäbe es Anlass zur Hoffnung, dass Genesungsbegleitung sich als ein Standard in der Behandlung etabliert und mehr gewürdigt wird. Die Beratenden sollen davon leben können, wenn sie ähnlich wie Pfleger und Ergotherapeuten bezahlt werden.

Seite 34 ff:
Die angestrebte Zusammenarbeit der EX-IN Begleitung mit dem Medizin- und Sozialarbeitspersonal von Kliniken bringt der Initiator auf den Punkt, denn EX-IN sei als Zusammenarbeit mit der Psychiatrie zu verstehen: „Das Ziel ist da auch gemeinsam handeln zu können“ (Utschakowski, Zeile 178). Es zeigt sich in der analytischen Kategorie der Qualifikation außerdem, dass EX-Inler „keine Schmalspur Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen oder Ärzte und Ärztinnen“ (Utschakowski, Zeilen 305-306) sein sollten und sie mit ihrem Erfahrungswissen davon abgegrenzt wären. Diese Abgrenzung wiederholt sich mehrfach. Eine Zusammenarbeit mit professionell Tätigen scheint für den Vertreter der Psychiatrie-Erfahrenen nicht in Frage zu kommen. Er erklärt „dass der ganze Beruf moralisch verrottet und intellektuell bankrott“ sei, denn diese [Psychiatrie – Anmerkung des Verfassers] „müsste dafür sorgen, dass es weniger psychisch Kranke gibt“ […] „sie sorgen dafür, dass immer mehr Psychopharmaka genommen werden, immer mehr Leute in Heimen sitzen, immer mehr Menschen in Behindertenwerkstätten“ (Seibt, Zeilen 300-316).

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