Von der Anti-Psychiatrie zur Anti-Zwangspsychiatrie

Hier ein Text, den René Talbot bei einem Vortrag am 16.7. in Tübingen gehalten hat:

Von der Anti-Psychiatrie zur Anti-Zwangspsychiatrie

Von Thomas bin ich gebeten worden, etwas zur Geschichte der Irren-Offensive und dem aktuellen Stand der Antipsychiatrie zu sagen und dabei kann selbstverständlich die PatVerfü nicht fehlen.

Wie man in dem Link, das in eurem Blog angeben ist, sehen kann, fange ich zur Einführung immer zunächst damit an, dass ihr Euch überlegen sollt, ob und wie ihr diese positive Vorausverfügung ausfüllen wollt, siehe hier.

Niemand will unterzeichnen. Dass dann alles in der positiven Vorausverfügung Beschriebene sozusagen automatisch gegen den Willen trotzdem geschehen kann, das zeigt das Politische, das durch Täuschung verdeckt wird. Obwohl offenbar niemand diese Zwangsmaßnahmen für sich autorisieren will, sind sie gesetzlich geregelt:
Geisteskrank sind also immer nur die Anderen.
Damit trifft die Definition des moralisch Bösen zu – was ich nicht will, dass man mir tu, das füge ich den anderen zu.

Wir müssen uns deshalb genauer mit den Täuschungen beschäftigen, um zu verstehen, warum dieses antidemokratische System funktioniert und wie wir es durchbrechen können.
Zunächst zur Vorgeschichte der Irren-Offensive. Um sie zu verstehen, möchte ich sie im geschichtlichen Kontext erzählen.
Und ich beginne früher, als ihr vielleicht erwartet.
1933 tritt parallel zu den Nürnberger Gesetzen das Erbgesundheitsgesetz in Deutschland in Kraft. Beide hatten zum Ziel, einen Teil der deutschen Bevölkerung biologisch zu definieren und von der künftigen Entwicklung auszuschließen: Das Politische wird mit biologischen Lügen metaphorisch aufgeladen, um den alten Hass gegen die Unangepassten austragen zu können und der medizinisch-säkularen Herrschaft zum vermeintlich endgültigen Sieg zu verhelfen.

Zu Recht sagte Ernst Klee: „Nicht die Nazis haben die Ärzte gebraucht, sondern die Ärzte die Nazis“. 1939 beginnt die Aktion T4, die systematische Erfassung und Ermordung von in den Psychiatrien Inhaftierten in der Gaskammer wird von der Tiergartenstr. 4 in Berlin in sechs Anstalten geplant und organisiert, auf kirchliche Proteste 1941 direkt in die Anstalten verlegt und das Personal, die Ideologie, die Technik, und die Verbrennungsöfen der Leichen 1942 zur Vernichtung der europäischen Juden ins besetzte Polen exportiert. Ein Buchhinweis dazu: von Henry Friedlander: The Origins of Nazi Genozide, der Deutsch schlecht übersetzte Titel: Der Weg zum NS-Genozid.

Trotz Ende des Krieges ging das Morden danach in den deutschen Anstalten bis ca. 1949 weiter: Das systematische Verhungern lassen zugunsten der Lebensmittelrationen des „medizinischen“ Personals ist belegt, allerdings nie geahndet worden, und ist als der perfekte Mord zu bezeichnen. Er steht am Anfang der Nachkriegs Psychiatrie-Geschichte in beiden Deutschlands. Über die Karrieren der beteiligten Psychiater hat nicht nur Ernst Klee recherchiert. Die Taz berichtete kürzlich von Christof Beyer, der die personellen Kontinuitäten in den psychiatrischen Anstalten nach 1945 erforschte. Das Ergebnis: Viele der ärztlichen Massenmord-Verbrecher machten Karriere. Beispielsweise waren an der Universität Heidelberg noch bis in die 1990er Jahre damals als Assistenzärzte an der Mordaktion Beteiligte mit der Lehre betraut.

Danach ist die Psychiatrie seelenruhig zu ihrem Zustand vor 1933 zurückgekehrt: radikale, systematische Entrechtung, Entwürdigung und Foltermethoden, um das Geständnis „psychisch krank“ zu erreichen, die sogenannte „Krankheitseinsicht“. Selbst Einige der ganz Wenigen, die den psychiatrischen Holocaust überlebten, werden wieder zwangsweise eingesperrt und mit Insulin und Elektroschocks misshandelt. Der ideologische Zusammenhang ist der Gleiche geblieben: die Bezeichnung als Erbkrankheit, das Wegsperren und mit aller Gewaltsamkeit das Privateste des Privaten, den eigenen Gedanken, berauben, stigmatisieren und einem entfremden. Wie das rationalisiert wurde, dazu zitiere aus einem Interview mit Thomas Szasz aus dem Jahr 1969:

„Schizophrenie ist ein strategisches Etikett, wie es „Jude“ in Nazi-Deutschland war. Wenn man Menschen aus der sozialen Ordnung ausgrenzen will, muß man dies vor anderen, aber insbesondere vor einem selbst rechtfertigen. Also entwirft man eine rechtfertigende Redewendung. Dies ist der Punkt, um den es bei all den häßlichen psychiatrischen Vokabeln geht: sie sind rechtfertigende Redewendungen, eine etikettierende Verpackung für „Müll“; sie bedeuten „nimm ihn weg“, „schaff ihn mir aus den Augen“, etc. Dies bedeutete das Wort „Jude“ in Nazi-Deutschland, gemeint war keine Person mit einer bestimmten religiösen Überzeugung. Es bedeutete „Ungeziefer“, „vergas es“.
Ich fürchte, daß „schizophren“ und „sozial kranke Persönlichkeit“ und viele andere psychiatrisch diagnostische Fachbegriffe genau den gleichen Sachverhalt bezeichnen; sie bedeuten „menschlicher Abfall“, „nimm ihn weg“, „schaff ihn mir aus den Augen“.“

Ein anderes Beispiel ist die Umbenennung der Wittenauer Heilstätten in Berlin in Karl Bonhoeffer Nervenklinik 1957: Karl Bonhoeffer war Präsident der deutschen Psychiatervereinigung und eifriger Gutachter in NS-Erbgesundheitsgerichtsverfahren zu Zwangssterilisationen tätig. Er war sogar Richter am Erbgesundheits-Obergericht. Er tat das alles so begeistert, dass er auch nach seiner Pensionierung damit weitermachte. Berlin und auch die Charité will an dessen Ehrung noch heute festhalten. Außer ohnmächtigen Bitten gab es keinen politischen Protest zu dem hermetischen System.

1949 gab es zwar mit dem Ende des systematischen Massenmords, der offensichtlichsten Spitze des Eisbergs, in der Psychiatrie einen Bruch, aber die Entwürdigung durch das Kerkersystem mit Folterregime – um die Worte von Foucault zu gebrauchen – ging kontinuierlich weiter, eben keine Stunde Null.

Erst 1961 begann sich die Geschichte der Psychiatrie zu wenden: Es ist das Erscheinungsjahr der Bücher von Thomas Szasz „Geisteskrankheit – ein moderner Mythos“ und von Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft.

Szasz, als psychoanalytisch ausgebildeter Psychiater, und Foucault, als Soziologe und Philosoph, sind durch ihre Veröffentlichungen für die Therapieunwilligen und Therapieresistenten zu Agenten im herrschenden System geworden. Im Machtapparat der Wissenschaft hatte sich die erste kaum sichtbare Bruchstelle gebildet, die notwendige Voraussetzung für eine Infragestellung der Psychiatrie, da beide Professoren waren und damit zwar als Außenseiter missachtet, aber doch selber nicht als angeblich krankheitsuneinsichtig psychisch Kranke kaltgestellt werden konnten. Thomas Szasz wurde anlässlich seines 80. Geburtstags sogar von der eigenen Universität, die ihn seit den 1960er Jahren bekämpft hatte, als herausragender Wissenschaftler mit einem Symposium geehrt und sein besonderer Beitrag zur Kritik an der Zwangspsychiatrie wird nie mehr zu verdrängen sein.

Der Krach im Machtapparat der Universitäten hat dann Ende der 1960erJahre zu einem politischen Boom des Antiautoritären geführt, das selbstverständlich auch die Kritik der psychiatrischen Schlangengruben befördert hat, zunächst jedoch eher intellektuell mit den Publikationen von Laing, Cooper, Goffman und Foudrain. Es gab einen italienischen Sonderweg: Um den Triester Psychiater Basaglia entwickelte sich eine Kritik der Institution, die aber am traditionellen Krankheitsbegriff festhielt.

Ich will das Sozialistische Patientenkollektiv in Heidelberg nicht verschweigen, aber über dessen Geschichte und Praxis erzählt es besser selbst. Nur das als Randbemerkung: In eurem Ansatz einer Grundsatzerklärung legt ihr euch darauf fest, dass es keine „Ärzteklasse“ gäbe, eine solche nur in Verschwörungstheorien bestünde. Ich wäre mir da nicht so sicher. Warum muss man diesen Ansatz gleich stigmatisierend als Verschwörungstheorie ausgrenzen? Warum soll das wichtig sein? Meiner Ansicht nach weckt man damit nur den Verdacht einer Ärzteschutzhaltung. Dabei hat auch Max Horkheimer von einem Racket gesprochen, das typischerweise die Ärzteschaft bilde. Carl Wiemer hat das in seinem Buch Krankheit und Kriminalität – Die Ärzte- und Medizinkritik der kritischen Theorie ausgearbeitet.

Die deutsche Psychiatrie entwickelte sehr flink Abwehrmaßnahmen: Mit der Psychiatrie-Enquete der Bundesregierung, deren Ergebnisse Mitte der 1970er Jahre veröffentlicht wurden, werden die Schleusen zur Mittelbeschaffung der Selbstversorgung der Versorger geöffnet und ein sektoraler bzw. gemeindenaher psychiatrischer Kontrollapparat aufgebaut, Stichwort sozialpsychiatrischer Dienst. Dieser setzt sich bis heute in der sog. Sozialpsychiatrie fort.

1980 könnte in der BRD als die zweite Geburtsstunde der Antipsychiatrie durch die Gründung der Irren-Offensive bezeichnet werden. Betroffene bilden die erste autonome Gruppe schon mal psychiatrisierter Menschen, OHNE irgendeine medizinisch bzw. psychiatrisch verbildete Begleitung. Es war eine der sich damals neu bildenden Selbsthilfegruppen.

Um den Vortrag an dieser Stelle abzukürzen, muss ich für die, die sich für die weiteren Details der Geschichte der Irren-Offensive interessieren, auf deren Veröffentlichung im Internet verweisen, siehe hier.

Der strukturelle Ansatz der Irren-Offensive war also von Anfang an Selbsthilfe, aber das Ziel von Anfang an auch politisch, die Abschaffung des PsychKG.
Zu Selbst-HILFE als Gruppe möchte ich eine skeptische Anmerkung machen. Jede solche Hilfe eines Anderen begibt sich unmittelbar in Konkurrenz zum Anspruch des psychiatrischen Systems, angeblich doch nur helfen zu wollen. Es ist verführerisch, von sich in Anspruch zu nehmen, besser als diese Experten helfen zu können. Gut ist zweifellos die Kritik an deren eitlem Hochmut. Aber dabei übersieht man – gutwillig – sehr leicht, wie sehr sich in jedem Helfen schon ein Machtgefälle manifestiert, denn hilfsbedürftige Personen sind logischerweise ohnmächtiger als die Helfenden. Das schafft unmittelbar ein mehr oder weniger offenes Machtverhältnis mit der nahezu unvermeidbaren Gefahr von Abhängigkeit und es legt eine Opferrolle nahe.

Mit dem Anspruch, wir können besser helfen, geraten allzu leicht diese Machtverhältnisse aus dem Blick, fürsorgerische Eilfertigkeit verklärt das Handeln und das tatsächlich zugrundeliegende politische Problem wird zum Nebenschauplatz, wenn nicht sogar völlig verdrängt. Psychiatrie-Kritik verwandelt sich in Sozial-Pädagogik, wie ich das z.B. auch beim Berliner Weglaufhaus sehe. Das mitunter Verbohrte und Eigensinnige im Verhalten der Betroffenen soll wegpoliert werden. Unversehens hat man das Anpassungsziel verinnerlicht und sich auf die Erziehung der Betroffenen verlegt. Wegen dieses Machtgefälles ist die absolut notwenige Voraussetzung von Helfen, bzw. Helfen wollen, dass keinerlei Zwang bzw. Nötigung gegen die Person ausgeübt wird, der geholfen werden soll. Unmittelbar verwandelt sich sonst der Versuch von Hilfe in Manipulation und bei der Freiheitsberaubung und Körperverletzung der Zwangspsychiatrie in Folter und Terror.

Typischerweise wird bei dieser Form von Selbsthilfe behauptet, ohne Drogen sei besser geholfen, die müssten abgesetzt werden etc. Mit diesem Rat erliegt man unmittelbar einem paradoxen Gesundheitsdiskurs. Dieses Gesundheitsmantra läßt sich am besten durch die Selbsthilfe der Anonymen Alkoholiker illustrieren: Statt das Recht auf den eigenen Körper zur Grundlage aller Forderungen zu machen, wird, wie von der Psychiatrie, Gesundheit zum höchsten Wert stilisiert. Es wird irgendwelchen als Droge bezeichneten Substanzen eine Moral verpasst. Sie werden zu Bösem erklärt und sie sollen zur Gesunderhaltung bzw. zur Gesundung gemieden werden – sei es Alkohol, Haldol oder Heroin. Bei den Anonymen Alkoholikern wird das sogar religiös begründet. Aber wie Ein Virus kennt keine Moral – vor über 30 Jahren der Titel eines berühmten Film von Rosa von Praunheim – so kennt auch eine Droge keine Moral, sondern man hat sich argumentativ auf einen Gesundheits-Teppich gestellt, den man doch angeblich gerade wegziehen wollte. Das kann nur schief gehen.

Stattdessen muss man sich entscheiden:
Will man Teil des Gesundheitsregimes sein, also wie die WHO von einem Recht auf Gesundheit faseln, oder die ganze Diskussion über „geisteskrank“ und „Geistesgesundheit“ einfach abschneiden und stattdessen ein Recht auf Krankheit fordern?
Mit dem Anspruch eines Rechts auf Krankheit ergibt sich logischerweise: Geisteskrank? Ihre eigene Entscheidung!

Jeder Machtanspruch eines Arztes ist insofern zerbrochen, als jede Diagnose und Behandlung immer nur ein Vorschlag sein darf. Jedem ärztlichen Handeln muss von dem bzw. der Behandelten zugestimmt werden, zumindest solange man sich äußern kann, und es nicht in weiser Voraussicht vorher schon verboten hat.

Damit wandelt sich das Projekt einer besseren Hilfe, in das Projekt der Durchsetzung des Rechts auf den eigenen Körper inkl. der Freigabe aller Drogen an Erwachsene, sowie das überfällig werden krankheitsbedingter Schuldunfähigkeit, der Grundlage des § 63 Strafgesetzbuch und dessen grausamen Vollzugs mit unlimitierter Freiheitsstrafe und folterartiger Zwangsbehandlung. Es wird zu einem libertären Projekt, begründet in den Menschenrechte, zu entscheiden, ob einem überhaupt geholfen werden soll, und wenn ja, dass einem die Entscheidung bleibt, welche Hilfe es denn sein soll. Zur Priorität werden unsere Freiheitsrechte, insbesondere das Recht auf den eigenen Körper. Die Irren-Offensive hat den Wechsel von einer Gesundheits-Argumentation zu diesem libertären Projekt von 1994 bis 1996 vollzogen, Schlusspunkt war die Presseerklärung 1996:

„Die Unantastbarkeit unserer Selbstbestimmung soll in Zukunft im Mittelpunkt unserer Bemühungen stehen: Unser Besuch bei Kate Millett und antipsychiatrischen Einrichtungen in den USA hat uns veranlasst, den Schwerpunkt unserer Kritik an der Psychiatrie von einem medizinischen zu einem rechtlichen Ansatz zu verlagern.“ …“Wir lehnen den freiwilligen Konsum von Psychopharmaka nicht grundsätzlich ab. Wir konzentrieren unsere Bemühungen auf die Abschaffung der Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung und die Entrechtung von Ver-rückten.“

Folge dieser Perspektiv-Änderung war, dass wir 1998 das Foucault Tribunal zur Frage der Lage der Psychiatrie zusammen mit der Freien Universität und der Volksbühne organisierten und 2001 das Russell Tribunal zur Frage der Menschenrechte in der Psychiatrie, bei dem die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte ein Grußwort zur Eröffnung sandte. 2001 verbot die Freie Universität auf Druck der Psychiatrie der Freien Universität dem Asta und Prof. Narr, es in ihren Räumen zu veranstalten.

2009 trat die UN-Behindertenrechtskonvention mit dem impliziten Verbot aller psychiatrischen Zwangsmaßnahmen in Kraft, insbesondere auch dem Verbot erzwungener Stellvertretung durch eine irreführend „Betreuung“ genannte Entmündigung.

2017 Jahr hat auch das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte verstanden, dass der Gesundheitsbegriff der WHO neu interpretiert werden muss, um dem ihm innewohnenden Paradox zu entrinnen: Es hat explizit das Recht auf Krankheit bzw. das Recht zu jeglicher Behandlungsverweigerung anerkannt. Ja, der UN-Sonderberichterstatter über Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe sowie das UN-Komitee für die Rechte von Menschen mit Behinderungen haben in ihren Berichten explizit psychiatrische Zwangsbehandlung als Folter bezeichnet – Folter, die nie und unter keinen Umständen in der BRD geduldet werden dürfte.

Bevor ich zusammenfasse noch ein Wort dazu, dass man ja die Krankschreibung dazu bräuchte, mal Pause machen zu können, wenn man aus welchen Gründen auch immer nicht arbeiten könne. Das ist eine andere Baustelle, die manche Ähnlichkeit mit dem Kampf gegen die Zwangspsychiatrie aufweist – diese Freiheit muss aber mit dem Recht auf Faulheit errungen werden, bekannter unter dem Namen bedingungsloses Grundeinkommen, das bGE. Die Nötigung zur Arbeit mag mit der Zwangspsychiatrie einen Begründungszusammenhang haben, aber nie und nimmer kann das bisher verweigerte Recht auf Faulheit eine Ausrede dafür sein, nicht das Kerkersystem mit Folterregime der Zwangspsychiatrie anzugreifen, um es abzuschaffen.

Ich möchte meinen Vortrag so zusammenfassen:
Unseren Kampf für die Unteilbarkeit der Menschenrechte, für die Abschaffung aller psychiatrischen Sondergesetze, so dass eine psychiatrische Zwangseinweisung immer eine Freiheitsberaubung und eine Zwangsbehandlung immer eine Körperverletzung ist, hat zwei Seiten:
– Die eine ist ein Angriff auf deren Täuschung zu helfen, deren Ideologie, aber nicht weil wir besser helfen könnten, sondern weil Zwang ausgeübt wird. Den haben wir mit den neueren Aussagen von den UN-Menschenrechts-Institutionen gewonnen.
Wie die Psychiatrie das einfach ignorieren kann, zeigt vielleicht doch, was für ein Racket sie ist, wenn man schon nicht von einer Ärzteklasse sprechen will. Die machen munter weiter, auch wenn sie zu Recht staatlich geschützte Verbrecher genannt werden.
– Deshalb kommt es besonders und noch viel mehr auf die andere Seite an, wie wir deren staatlichen Schutz unterlaufen können. Wir müssen weiter Fortschritte in einem Wiegeschritt machen, dass wir rechtlich jede neue Gesetzgebung so gut wie möglich nutzen und wenn wir an deren Grenze gestoßen sind, uns politisch für eine neue Gesetzgebung und darüber wiederum eine entsprechende neue Rechtsprechung einsetzen. Z.B. erwarten wir am 24. Juli ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das die Fixierung in den Ländern Baden-Württemberg und Bayern für illegal erklärt. Das ist ein reformerisch zu nennender Prozess, der leider viel Geduld erfordert. Aber wir haben seit 2009 ein entsprechendes Patientenverfügungsgesetz, den § 1901a BGB, der uns, wie jedem Erwachsenen, über eine speziell dafür entwickelte Patientenverfügung, die PatVerfü, jeweils individuell ermöglicht, der Zwangspsychiatrie einen Riegel vorzuschieben, sich sozusagen aus ihr von vornherein raus zu optieren. Für diese Möglichkeit die Werbetrommel zu rühren, ist zur Zeit unserer Hauptaufgabe.

Aber die Psychiater sind sehr schlechte Verlierer und verlogen. Selbst wenn man ihnen vorhält, dass sie eine Person, die sich mit einer PatVerfü geschützt hat, nicht mehr diagnostizieren dürfen, und auch kein Richter ihre Gewaltausübung mehr legalisieren kann, weil diese nicht rechtsbeugend sein dürfen, weigern sie sich zu unterschreiben, dass sie in einem entsprechenden Fall die Aufnahme in ihre Klinik verweigern bzw. sofort zu entlassen, wenn Betroffene keine Hilfe nachfragen oder die angebotene Hilfe nicht als solche empfinden. Nein, sie WOLLEN die Gewalt ausüben, die klammern sich daran, befürchten den Machtverlust, und sehen keine Chance in einem Umgang mit ihren Patienten ohne eine Option auf diese Gewaltausübung, sondern wollen jederzeit damit nötigen können. In einer Umfrage dieses Jahr bei praktisch allen Chefärzten deutscher Psychiatrien hat ein einziger Arzt das geltende Recht anerkannt. Er ist Dr. Martin Zinkler, alle anderen wollten trotz Erinnerung nicht antworten bzw. 3 nur mit hanebüchenen Antworten zur Abwehr. Nicht mal der Chefarzt der Charité, Prof. Andreas Heinz, brachte es übers Herz, die Rechtslage anzuerkennen, obwohl er im Rechtsausschuss der Bundestages als Vertreter der organisierten Psychiater noch 8 Monate zuvor großartig zu Protokoll gegeben hatte: „..dass Patienten mit einer Patientenverfügung, die jegliche psychiatrische Diagnostik ablehnen, das Recht haben müssten, nicht in einer psychiatrischen Klinik untergebracht zu werden. [……] Wenn man alles ablehnt, muss man ein Recht haben, nicht in eine psychiatrische Klinik zu kommen.“

Dabei ist er schon als Präsident dieses Rackets gewählt, und wird nächstes Jahr dieses Amt antreten. Wir haben gegen deren Gewaltbereitschaft einen Solidaritätsfonds für notarielle beurkundete PatVerfüen gestellt. Der Solidaritätsfonds steht mit über 11.000 € bereit, wenn so eine PatVerfü noch herausgefordert werden sollte. So erodiert die Machtbasis der Psychiatrie, Stück für Stück gerät deren Anspruch, über objektives Wissen zu verfügen zur Farce:
Geisteskrank? Ihre eigene Entscheidung!

Ziel bleibt die Abschaffung der Sondergesetze. Das ergibt in der Konsequenz eine andere Gesellschaft. Diese ist aber nicht Voraussetzung, sondern nur das Resultat dessen, dass sie menschenrechtskonformer wird.

So kann ich sagen: Anti-Zwangspsychiatrie ist viel wirkungsvoller als Anti-Psychiatrie, weil sie präzise das im Focus hat, auf das es bei der Psychiatrie tatsächlich ankommt. Damit distanzieren wir uns zwar nicht von Anti-Psychiatrie, aber sehen die ideologische Trübung, der sie unterliegt. Wenn unsere Gegner dann sagen, dass ohne Zwang die Psychiatrie verschwindet, trauern wir ihr nicht nach – aber deren Verschwinden wäre dann nur noch beiläufig.

René Talbot

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